An die visionären Entscheidungsträger von kleinanzeigen [Punkt] de, die sich hier in der Community verirren mögen:
Ah, wie erfrischend! Sie haben es tatsächlich geschafft, in der Webversion die individuellen Versandpreise abzuschaffen. Welch ein mutiger Schritt in Richtung digitaler Bevormundung! Dass Sie damit den Verkäufern die Möglichkeit nehmen, ihre tatsächlichen Kosten abzubilden, ist sicher nur ein kleines, völlig unbedeutendes Detail. Wir Verkäufer haben schließlich nichts Besseres zu tun, als unsere Zeit und unser Material zu verschenken – wir leben doch alle von Luft und Liebe, nicht wahr?
Gestatten Sie mir, Ihr brillantes Konzept kurz durchzuspielen: Ein Paket Kartonagen und Polstermaterial aus dem Keller zu fischen, das passende Format zu finden, die Ware fachgerecht zu polstern, zu verpacken, zu etikettieren und dann zur Post zu bringen – das alles erledigt sich selbstverständlich von allein. Dass dieser Vorgang gerne einmal eine Stunde oder mehr verschlingt, ist irrelevant. Dass der Mindeststundenlohn das innerdeutsche Porto bereits nach wenigen Minuten übersteigt, ist ebenso irrelevant. Dass bei sperrigen Gegenständen wie Fahrrädern oder Fernsehern die Vorbereitung mehrere Tage dauern kann – geschenkt. Zeit ist ja bekanntlich kein Geld, sondern fällt vom Himmel wie Konfetti. Wie naiv von mir, zu glauben, meine Arbeitszeit sei etwas wert!
Und dann der eigentliche Clou: Selbst wenn ich die Versandkosten in der Artikelbeschreibung erwähne, schreckt der Zwangspreis von 6,19 € potenzielle Käufer ab – für eine Kleinigkeit, die in einen Briefumschlag passt und vielleicht gerade mal einen Euro wert ist. Aber Sie haben natürlich recht: Warum sollte ein Käufer auch nur das zahlen, was der Versand tatsächlich kostet? Hauptsache, das System ist „einheitlich“. Dass eine Versandpauschale der einzig juristisch saubere Weg ist, den eigenen Aufwand zu berücksichtigen – geschenkt. Sie haben sich da sicher etwas dabei gedacht. Vielleicht mögen Sie einfach keine Verkäufer, die ihre Arbeit wertschätzen?
Doch halt – ich wäre ja nicht ich, wenn ich nicht noch ein paar weitere so bequeme Wahrheiten für Sie hätte:
- Unversichert? Fehlanzeige! Der Zwang zum versicherten Versand zu Festpreisen bedeutet: Wer unversichert verschicken möchte (etwa bei günstigen Artikeln), hat verloren. Aber warum sollten Käufer auch die Wahl haben, ob sie für eine 1-€-Kleinigkeit 6,19 € Versand zahlen möchten?
- Ihre Hermes-Aktion ist ein ködernder Witz. Ja, ich habe gesehen: Hermes-M-Paket für 2,99 € – aber Sie locken Nutzer in Ihre Zahlungswelt und schalten nebenbei die individuelle Versandoption ab. Clever. Wirklich. Nur: Was ist mit all den anderen Paketdiensten? Mit unversichertem Versand? Mit Sonderformaten? Mit Sendungen ins Ausland?
- Wahlfreiheit war gestern. Verkäufer, die ihren Versand selbst gestalten wollen, werden in die Beschreibung verbannt – wo es kaum einer liest. Käufer, die genau diesen individuellen Service schätzten, gucken in die Röhre.
- Kleinanzeigen wird zur Einheitsplattform. Während andere Portale (
ebay [Punkt] de,hood [Punkt] de,locanto [Punkt] de,365-kleinanzeigen [Punkt] deund einige weitere) weiterhin individuelle Versandoptionen bieten, stellen Sie sich hin und erklären uns, was gut für uns ist. Danke für diese bevormundende Fürsorge! - Der Aufwand für Sonderformate bleibt unberücksichtigt. Fahrrad, Fernseher, sperrige Elektronik – all das lässt sich wunderbar zu Ihren Pauschalpreisen verschicken. Oder etwa nicht? Aber Sie werden schon wissen, was Sie tun.
- Ihre Darstellungen im Webbrowser und in der App sind inkonsistent. In der App können Verkäufer angeblich weiterhin „individueller Versand“ auswählen – aber in der Webversion nicht. Planlosigkeit oder Absicht? Beides wäre passend.
- Vertragsfreiheit? Ein Fremdwort. Dass Verkäufer und Käufer bislang selbst aushandeln konnten, welche Versandart und welcher Preis fair sind, war offenbar ein störendes Relikt aus einer besseren Zeit.
Ich gönne Ihnen Ihre kleine Machtdemonstration. Ich werde auf kleinanzeigen [Punkt] de schlicht keine Versandkäufe mehr anbieten – denn meine Versandpreise lassen sich nicht mehr passend, sondern nur noch extremst reduzieren. Vielleicht verkaufe ich dann eben bei den anderen 26 Portalen, die ich kenne. Oder ich stelle meine Artikel nur noch zur Selbstabholung ein und überlasse Ihnen das Vergnügen, künftig mit einer Plattform auszukommen, auf der sich ernsthafte Verkäufer zunehmend rarmachen.
Ich erwarte übrigens keine Rückkehr zur Vernunft – dafür ist Ihr Ego vermutlich viel zu groß und Ihr Verständnis für die Realität des privaten Verkaufs viel zu klein. Aber eines Tages, wenn die Beschwerden hereinkommen wie die Flut, wenn die Verkäufer abwandern und die Plattform verwaist, dann denken Sie vielleicht daran: Wir haben es Ihnen ja gesagt.
Mit der vorzüglichsten Hochachtung, die ich für diese Entscheidung noch aufbringen kann,
Alma